Zurück
superstarke.Familie29.04.2020
Der DIY-Notaus-Knopf

Der DIY-Notaus-Knopf


Ihr Lieben,

wünscht ihr euch auch manchmal einen Aus-Knopf für einfach alles? Eine Notbremse, nur für diese blöden, saublöden Situationen. Wenn erst nur eine Kleinigkeit quer liegt, und dann verselbständigt sich auf einmal alles und am Ende sind wir nicht mehr wir selbst… Da lag ein Legostein auf dem Teppich, ich bin draufgetreten, habe das Kind angemeckert, das Kind hat blöd reagiert – und auf einmal ist aus dem kleinen Klötzchen ein Tsunami der Wut geworden, dessen Wucht das Kind unter sich begräbt und zermalmt.

Hinterher – klar, da tut es uns leid. Da sind wir wütend auf uns selbst und könnten schon wieder losschimpfen aus lauter Frust, so überreagiert zu haben. Da nehmen wir das Kind in den Arm und entschuldigen uns. Aber der Blick in die verstörten Kinderaugen zerreißt uns das Herz. Denn darin sehen wir deutlich die fiese Narbe, die wir gerissen haben. Die Angst, die wir diesem geliebten Wesen gemacht haben. Die Einsamkeit, weil der Fels in der Brandung, der sichere Hafen, zur schlimmsten Gefahr geworden ist. Und wenn wir das Kind weiter beobachten, stellen wir fest: Es ist vorsichtig geworden, ängstlich. Selbst im Spiel mit den anderen Kindern braucht es eine Weile, bis es wieder seine alte Sicherheit wiedergefunden hat. Und wir stehen da und haben Fragen.

Fragen an uns selbst: Wie blöd, musste das sein?! Und warum eigentlich?! Warum ist mir bloß die Situation so entglitten? Das blöde Legoklötzchen. Leider taugt es wohl kaum als echter Schuldiger. Aber ein ehrlicher Blick rundum offenbart schnell ein Dutzend weiterer, echter Gründe: Die letzten Nächte, alle zu kurz – wegen Kindersorgen, wegen der Staffel Lieblingsserie und weil wir uns bis spät nicht vom Handy losreißen konnten. Die Zankereien mit dem Partner, weil man sich zu eng auf der Pelle hockt und sowieso so gefrustet ist. Job-Sorgen. Viel zu wenig Ich-Zeit. Die Sehnsucht nach Freunden, nach dem Fitnessstudio und Urlaub am Meer – und nach Normalität. Und die Enttäuschung, weil so viele schöne Sachen gerade nicht gehen. Was davon ist Schuld des Kindes? Hm. Lieber nicht drauf antworten müssen.

Aber was hilft’s uns auch, das alles zu erkennen? Wenn wir die richtigen Schlüsse daraus ziehen: viel. Zum Beispiel den Schluss, dass ein Kind fast nie wirklich Schuld ist an dem, was wir ihm zumuten. Und dass wir alles daran setzen müssen, es zu schützen, auch vor uns selbst. Oder den Schluss, dass ein Kontrollverlust Folgen hat, die wir hinterher bitter bereuen können. Ob dieser nun das Kind trifft oder den Partner bzw. die Partnerin.

Am allerwichtigsten aber ist diese Erkenntnis: Den Notaus-Knopf, den gibt es!

Wirklich. Wir müssen ihn uns nur selber machen.

Wie? Mit einem Sechs-Punkte-Bauplan. Ganz ohne Baumarkt und auch für unbegabte Heimwerker umsetzbar! Hier ist er, exklusiv für euch (aber auch zum Teilen):

  1. Ganz früh schon darauf achten, wann eine Situation uns so an die Nieren geht, dass die Nerven fast blank liegen. Je früher wir das bemerken, desto leichter ist es noch, etwas zu verbessern.
     
  2. Ändern, was sich ändern lässt. Zum Beispiel Absprachen treffen, die uns entlasten. Am besten rechtzeitig vorher, solange wir noch Nerven-Puffer haben, um anfängliche Fehlschläge wegzustecken, bevor es besser wird.
     
  3. Uns selbst entlasten und uns Gutes tun. Freiräume schaffen – und sei es nur eine feste Viertelstunde am Tag, die wir ganz alleine und garantiert ungestört und unbeobachtet für uns haben.
     
  4. Uns noch mehr Gutes tun. Ein bewusst genossener Kaffee. Ein paar Minuten die Füße hochlegen und aus dem Fenster (oder in ein Buch) schauen. Lieblingsklamotten anziehen, einfach nur für uns selbst.

    Das ist doch schon ein pralles, vielversprechendes Programm, oder? Und das Projekt Notaus-Knopf ist fast fertig. Fehlen noch zwei Schritte: der fünfte und der sechste – das Wichtigste kommt zum Schluss.
     
  5. Hilfe holen. Ein Problem wird umso leichter, auf je mehr Schultern man es verteilt. Gerade wenn die Situation öfter überkocht, kann ein Außenstehender möglicherweise Schlimmeres verhindern.
     
  6. Jetzt sind wir fit für den Endgegner Wut! Schon beim Legoklötzchen ziehen wir für uns selbst die Notbremse. Der Stein unterm Fuß piekt, wir meckern das Kind an, das Kind reagiert blöd – wir aber nicht. Statt uns in die Situation zu fügen und uns aufschaukeln zu lassen, steigen wir aus. Aufs Sofa, notfalls muss man auch mal aus dem Zimmer gehen. Hinsetzen, ein paar Schlucke Kaffee ganz bewusst genießen, den Kopf frei kriegen. Ein kleines wütendes Kind kann man vielleicht sogar neben sich aufs Sofa setzen und gemeinsam ein Buch anschauen. Ein paar gemeinsame Minuten wirken bei Kindern oft Wunder.

Natürlich dürft ihr dem Notaus-Knopf noch eine persönliche Note geben. Wut-Ball kneten, ein liebevoll gemaltes Erinnerungsschild an der Kinderzimmertür – personalisiert wirkt die Notbremse garantiert noch viel besser.

Probiert ihn mal aus, den Do-It-Yourself-Notaus-Knopf. Und ja: Wenn er funktioniert hat, dann dürft ihr euch ruhig mal selbst loben! Wut ist ein fieser Endgegner. Darauf, ihn zu bezwingen, kann jeder stolz sein. Und die Belohnung? Ist der Blick in die mutigen Augen eines starken Kindes. Oder der verliebte Blick von Partnerin oder Partner.

Bleibt gesund und mutig :)

 

Wir wollen uns mehr Zeit nehmen für euch, für unsere Familien. An dieser Stelle ist euer Raum für den Austausch. So facettenreich wie Familienleben eben ist – und mit einem offenen Ohr für euch. Schickt uns eure Fragen, Sorgen, Herzensangelegenheiten an

familie@die-bergische-kk.de.

 

Noch weiter stöbern

Intern • superstarke.Familie • 17.03.2020

Corona mit den Kids – 5 Tipps fürs Homeoffice

Extraferien oder extra stressig? Drei Wochen Schulschließung, und der Osterurlaub vielleicht auch noch gecancelt: Bei vielen Eltern machte sich ein...

superstarke.Familie • 02.04.2020

Zaubertrank Zeit

Daheim mit der ganzen Familie: Im Corona-Lockdown stecken Chancen für uns alle. Zeit mit Mama und Papa ist für die Kinder wie ein Zaubertrank. Und wir...

superstarke.Familie • 08.04.2020

Ostern ohne Oma & Opa

Osterfeiertage ohne die Eltern, Geschwister, Freunde: Irgendwie traurig, oder … Trotzdem: Wir übernehmen Verantwortung und machen es uns für alle...

superstarke.Familie • 15.05.2020

Tag der Familie

Tag der Familie: Eine noch unentdeckte Chance für die Blumen- und Geschenke-Industrie? Wir wissen da was Besseres.